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Ceridwen und die Spirale

29. Mai 2007

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Ich atme ein – ich atme aus – ich atme ein – ich atme aus… Ich denke nicht darüber nach – für gewöhnlich. Es ist ein automatisierter Vorgang. Ich nehme mir vor nicht mehr einzuatmen… nein, das geht nicht – ich höre eine Stimme, ganz tief in mir drinnen. Sie flüstert: „Atme!“ Während ich ein- und ausatme sterben viele kleine Zellen in meinem großen Organismus, doch gleichzeitig entstehen wieder neue Zellen. So „sterbe ich täglich und werde täglich geboren“ – geboren – aus dem Sterben.

Eine Spirale scheint endlich zu sein, dort wo sie ansetzt und in der Mitte wo sie endet. Wenn ich sie aber mit dem Finger nachfahre, vom Rand in großen Bögen bis zur Mitte (Einatmen), so ist die nächste konsequente Bewegung, die in die entgegengesetzte Richtung zurück (Ausatmen) – hin und zurück (Atmen). Eine unendliche Bewegung des Auf und Ab.

Die drei Aspekte der Göttin Ceridwen sind die Jugend, die Reife und das Alter, zugleich aber auch die Zukunft, die Gegenwart und die Vergangenheit. Wie aber sind diese sechs Begriffe einander zu zuordnen? Die Gegenwart ist NICHT gleich die Reife – für manch einen liegt die Reifephase bereits in der Vergangenheit oder eben noch in der Zukunft. Nur die Spirale des Atem macht dieses Bild verständlich: So ist die Jugend das Einatmen der Zukunft, das Alter das Ausatmen der Vergangenheit, die Reife das Ein- und Ausatmen der Gegenwart.

So wie Ceridwens Spirale des Seins ist auch unsere Welt ein Bildnis erschaffen aus Polaritäten, die doch eine Einheit bilden und voneinander abhängen – ich kann nur einatmen wenn ich ausatme. Ebenso kann ich nicht nur gut gelaunt sein. Ceridwen repräsentiert alle Eigenschaften, die ein Mensch in sich trägt und das ist der Grund für ihre Nahbarkeit. Sie ist nicht zu vergleichen mir den Göttern des Olymp, von denen die meisten nur ein Gesicht haben und eine Zuständigkeit. Aber sie ist auch nicht eine Göttin, die keine anderen Götter neben sich duldet. Sie ist wie „viele Familienmitglieder in einer Person“ – man kann sich seiner Schwester anvertrauen, weil man mit seiner Mutter nicht darüber reden möchte – es ist aber dennoch die selbe Vertraute.

Ceridwen – in ihren drei Aspekten – ist die alte Starrsinnige, aber auch die mütterliche Achtsame und auch die junge Sorglose. Wenn ich sie um Hilfe bitte, dann kommt sie in der Gestalt derer zu mir, die mir am besten helfen kann. Jeder kann sich mit seinen Sorgen an Ceridwen wenden und sie bitten, unter ihrem großen Kessel ein Feuer zu entfachen.

Ceridwen erfüllt mir meine Bitte und ich werfe all meine Last und all meinen Schmerz in die mit Kräutern versetzte Flüssigkeit. Mit kräftigen Bewegungen rühre ich das Gebräu – rühre in Spiralbewegungen – auf und ab – auf und ab. Der Dampf des Kummers steigt hoch hinauf in die Luft – verlässt meine Seele, zurück bleibt ein Brei der Erfahrungen auf dem Grund des Kessels. Er ist genießbar geworden und meine Seele nimmt ihn dankbar in sich auf. Ich bin sorglos. Ich bin achtsam. Bin manchmal starrsinnig. Ceridwen lächelt mir zu.